Kassel, 06.03.2012

Erstes Projekt zur Nutzung von Solarwärme bei der Erdgasvorwärmung gestartet


Unterzeichneten im Rathaus der Stadt Kirchhain die Verträge zur Wärmelieferung aus Sonnenenergie und Biomasse für die Gasdruck-Regelstation in Kirchhain-Großseelheim (sitzend von links): Enertracting Geschäftsführer Roland Heinzen, der Geschäftsführer der Nahwärmegenossenschaft „Nahwärmenetz Großseelheim eG“ Heinz-Wilhelm Leinweber, E.ON Mitte-Vorstandsmitglied Thomas Weber und Kirchhains Bürgermeister Jochen Kirchner. Mit dabei (stehend von links): Der Leiter der Netzregion Marburg Burkhard Meth, der Leiter Unternehmensentwicklung Projekte Ralf Meyer und Landrat Robert Fischbach.

Ein bisher einmaliges Projekt zur Nutzung von Solarwärme bei der Erdgasvorwärmung in einer Gasdruck-Regelanlage hat E.ON Mitte am Dienstag gemeinsam mit den Projektpartnern in Kirchhain gestartet. Dabei handelt es sich zugleich um die größte solarthermische Anlage in Hessen. In Gasdruck-Regelanlagen ist die Vorwärmung von Erdgas zwingend erforderlich, um eine Vereisung der Anlagen bei der Druckreduzierung zu vermeiden. Planer, Investor und zukünftiger Wärmelieferant für E.ON Mitte ist die Firma Enertracting GmbH aus Kassel. Zusätzlich wird Wärmeenergie aus Biomasse von der Nahwärmegenossenschaft „Nahwärmenetz Großseelheim eG“ bezogen. Konzeptionell wird das Projekt (HA-Projekt-Nr.: 238/10-14) im Rahmen der LOEWE-Förderlinie 3: KMU-Verbundvorhaben vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst gefördert. Zudem sind die Universität Kassel, die die wissenschaftliche Begleitung übernimmt und die Firma BS Messtechnik UG aus Kassel beteiligt. Die Solarkollektoren werden von der Firma Wagner & Co Solartechnik aus Cölbe geliefert und der Solarenergiespeicher kommt von der Firma FSAVE Solartechnik GmbH aus Kassel. Ziel des Projektes ist die Errichtung einer Demonstrationsanlage, um den Einsatz von Solarthermie bei der Gasvorwärmung zu erproben.

Erdgas wird mit Sonnenwärme und Biomasse vorgeheizt
In der von E.ON Mitte betriebenen Gasdruck-Regelanlage im Kirchhainer Stadtteil Großseelheim wird Erdgas aus der Ferntransportleitung von Großseelheim nach Schwalmstadt- Wiera für das regionale Versorgungsnetz entnommen. Hier entsteht in den nächsten Monaten eine etwa 320 Quadratmeter große solarthermische Anlage für die Wärmeerzeugung zur Gasvorwärmung. Erdgas muss bei der Druckreduzierung vorgewärmt werden, da es sonst in den technischen Anlagen aufgrund physikalischer Effekte zu Vereisungen kommt, die eine sichere Versorgung gefährden würden. Zukünftig werden hier jährlich rund 1,1 Millionen Kilowattstunden Erdgas durch erneuerbare Energien ersetzt. Zur Unterstützung der Solarkollektor-Anlage liefert die Nahwärmegenossenschaft „Nahwärmenetz Großseelheim eG“ zusätzlich Wärme aus der nahe gelegenen Biogasanlage. Das bisher einzigartige Projekt, für das insgesamt rund 165.000 Euro investiert werden, vermeidet jährlich über 30 Tonnen Kohlendioxid-Emissionen.

Projekt in Kirchhain vorgestellt
Im Rathaus der Stadt Kirchhain stellten am Dienstag die Projektpartner die innovative Wärmeversorgung der Gasdruckregelanlage in Großseelheim vor. Der Geschäftsführer der Nahwärmegenossenschaft „Nahwärmenetz Großseelheim eG“ Heinz-Wilhelm Leinweber lobte das zukunftsweisende Konzept: „Auf diese Weise wird nicht nur ein Beitrag zur Verbesserung der Effizienz bei der Erdgasversorgung geleistet. Auch unsere Biogasanlage erhält damit ihren ersten Kunden, der durch den ganzjährigen Wärmebedarf eine gute Grundauslastung ermöglicht.“ An das Nahwärmenetz, so Leinweber, würden demnächst die Schule, der Kindergarten, das Bürgerhaus und weitere Gebäude in Großseelheim angeschlossen. Enertracting Geschäftsführer Roland Heinzen hob die Leistungsfähigkeit der solarthermischen Anlage hervor. „Aufgrund der relativ niedrigen Temperaturen, die bei der Gasvorwärmung benötigt werden, ist dies eine sehr gute Anwendungsmöglichkeit für Solarkollektor-Anlagen im Bereich Prozesswärme.“ Zudem könne die Wärmeversorgung während der Nacht durch Einsatz eines großen Pufferspeichers unterstützt werden.

„Kombinieren statt konkurrieren, das ist die richtige Strategie, um solche innovativen Projekte auf den Weg zu bringen“, betonte E.ON Mitte-Vorstandsmitglied Thomas Weber. Nur durch die gute Kooperation der Projektpartner aus verschiedenen Bereichen sei diese optimale Lösung zur effizienten und umweltschonenden Gasvorwärmung möglich geworden. „Für E.ON Mitte hat die Verbesserung der Effizienz und des Umweltschutzes im gesamten Netzbetrieb einen hohen Stellenwert“, sagte Weber. Dies werde hier in besonderer Weise durch die Nutzung von Solarenergie in Kombination mit Wärmeenergie aus Biomasse erreicht. Diese Sichtweise unterstützt auch Bürgermeister Jochen Kirchner. „Das Anliegen der Stadt Kirchhain, die Einzelakteure an einen Tisch zu bringen war eine richtungsweisende Entscheidung“. Das Stadtbauamt hat die Rolle der Moderation gerne übernommen. „Mit der Vertragsunterzeichnung ist ein weiterer Meilenstein zum Ausbau der regenerativen Energien in Kirchhain gesetzt“ bestätigt Kirchner. Auch Landrat Robert Fischbach zeigte sich erfreut über das richtungsweisende Projekt im Landkreis Marburg-Biedenkopf. „Für die Nutzung der Solarwärme hat dies eine positive Signalwirkung und unterstützt uns bei dem Ziel, bis zum Jahr 2040 die benötigte Energie im Landkreis Marburg-Biedenkopf durch erneuerbare Energien zu decken“, betonte Fischbach.

Verträge zur Wärmelieferung unterzeichnet
Die Enertracting GmbH aus Kassel übernimmt das komplette Wärmemanagement für die Gasvorwärmung. Zusätzlich errichtet das Unternehmen die Solarkollektor-Anlage und einen 25 Kubikmeter großen Solarenergiespeicher, der Wärme für den nächtlichen Bedarf puffert. Außerdem übernimmt die Gesellschaft die Anbindung der Solaranlage und der Biogasanlage an die bestehende Heizungsanlage in der Gasdruck-Regelstation. Für die Lieferung der Wärme aus der Biogasanlage unterzeichneten Heinz-Wilhelm Leinweber von der „Nahwärmenetz Großseelheim eG“ und Roland Heinzen von der Enertracting GmbH einen Wärmelieferungsvertrag über 15 Jahre. Über die rund 300 Meter lange Leitung sollen jährlich rund 800.000 Kilowattstunden Wärme aus der Biogasanlage bezogen werden. E.ON Mitte hat in der Gasdruck-Regelstation die technischen Anlagen zur Gasvorwärmung entsprechend vorbereitet und bezieht zukünftig die Wärme aus Solarthermie und Biomasse. Dazu unterzeichneten E.ON Mitte-Vorstandsmitglied Thomas Weber und Roland Heinzen von der Enertracting GmbH einen Wärmeliefervertrag. Dieser sieht vor, dass bei der Gasvorwärmung zunächst die Wärmeenergie aus den Solarkollektoren eingesetzt wird. Darüber hinaus kommt zusätzlich Wärme aus der Biogasanlage zum Einsatz. Insgesamt werden somit rund 70 bis 80 Prozent des gesamten Wärmebedarfes der Gasdruck-Regelanlage durch regenerative Energiequellen gedeckt. Für den restlichen Wärmebedarf steht der konventionelle Gaskessel in der Gasdruck-Regelanlage bereit. bs